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„Wie weit gehst du?“ – Die Bundeswehrkarriere als Weg aus der Prekarität?

Im Kontext aktueller Personal-Werbestrategien inszeniert sich die deutsche Bundeswehr als sicherer, fordistisch inspirierter Arbeitgeber und spricht damit insbesondere Arbeiter:innen in unsicheren Lebens- und Arbeitsbedingungen an, denen sie einen Ausweg aus erlebter, sich aktuell vielfach zuspitzendender Prekarität verspricht. Letztlich fügt sich die Bundeswehr als Arbeitgeber jedoch – allen Sicherheitsversprechungen zum Trotz – im Einfordern massiver Entgrenzung nahtlos in die gegenwärtige, neoliberale Gesellschaft ein.

Es ist ein Montagmorgen Anfang September in Leipzig. Mit dem Rad fahre ich an einer Hauptstraße entlang, vorbei an vielen Bushaltestellen und Plakatwänden, die die Straße säumen. Immer wieder fällt mein Blick auf die dort platzierten Werbungen, immer wieder sind es Werbeplakate für die Bundeswehr, die auf diese Weise meinen zehnminütigen Weg kontinuierlich begleiten.

Forschungstagebuch, Karoline Köster

Bundeswehrwerbung boomt. Nicht nur auf den Plakaten an jenem Montagmorgen, auch in Kinos, im Fernsehen, auf Straßenbahnen und auf diversen Social-Media-Kanälen markiert die deutsche Bundeswehr merklich Präsenz, um ihre im Zuge der militärischen Zeitenwende und der damit verbundenen Aufrüstung vielfach debattierte Personalnot zu beheben. Auch eine 2024 getroffene Vereinbarung zwischen der Bundesagentur für Arbeit[i] und der Bundeswehr lässt sich in diesem Kontext verorten. So sollen nun neben Veranstaltungen, die für zivile Zwecke werben, auch „die vielfältigen militärischen Karrierechancen der Bundeswehr sichtbar in den Beratungsalltag der Bundesagentur einfließen“[ii].

Zeitgleich zu diesen Entwicklungen spitzt sich die prekäre Lage von Arbeiter:innen in Deutschland immer weiter zu: „(W)ir werden uns vieles nicht mehr leisten können“[iii], argumentierte der ehemalige Präsident des Bundessozialgerichts Rainer Schlegel 2024 in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bezug auf die Leistungen des Sozialstaats vor dem Hintergrund der militärischen Zeitenwende und forderte, „strikter gegen jene vor(zu)gehen, die das Bürgergeld ausnutzen“[iv]. In diesem Zusammenhang ist seit geraumer Zeit zu beobachten, wie Debatten um die Individualisierung sozialer Krisen – verschärfend beeinflusst durch die disziplinierende Wirkung von Austeritätspolitiken – immer weiter eskalieren, was vorläufig in der Forderung nach Totalsanktionen und der Behauptung, Leistungsempfänger:innen würden den Sozialstaat, die Aufrüstung und damit die gesamte Gesellschaft belasten[v], gipfelt.

Illustrativ zeigen diese Beispiele, was für mich in der Analyse der eingangs erwähnten Werbeplakate sowie im Kontext einer im Februar 2025 durchgeführten ethnografischen Forschung zu Aktivierungspraktiken der Bundeswehr im Rahmen der Informationsveranstaltungen[vi] in den Agenturen für Arbeit empirisch greifbar wurde: Militarisierungs- und Sozialstaatsfragen hängen zusammen.

Anknüpfend daran folge ich in diesem Artikel der Frage, wie die Bundeswehr versucht, zukünftige Mitarbeiter:innen zu aktivieren. Ich zeige, dass sie dabei ein Bild von Arbeit vermittelt, das von Zusammenhalt und Anerkennung sowie von langfristiger, ökonomischer und karrierebezogener Planungssicherheit geprägt ist. Damit schließt sie sich in ihren Darstellungen an ein Sicherheit vermittelndes Arbeitsparadigma im Sinne „soziale(r) Sicherheit durch kontinuierliche Erwerbsarbeit und (…) einen spezifischen Arbeitnehmerstatus“[vii] an, der sich „unter den historischen Bedingungen des Fordismus herausbilden konnte“[viii] und Verknüpfungen von Lohnarbeit mit sozialen Schutzmechanismen und Partizipationsrechten[ix] nach sich zog.[x] In Bezug auf das hier skizzierte, nostalgisch angehauchte Narrativ argumentiere ich, dass die Bundeswehr primär Arbeiter:innen in unsicheren Lebens- und Arbeitssituationen anspricht, deren Lebensrealität vielfach nicht nur von materieller Unsicherheit, sondern auch von Defiziten in Anerkennung und gesellschaftlicher Integration[xi] geprägt ist. Abschließend verorte ich die Vermittlungen der Bundeswehrkarriere als scheinbaren, imaginierten Weg aus der Prekarität im Kontext der Gegenwart.

Bild 1: „Zusammen gibt halt“ – Fotos der Bundeswehrkampagne im Leipziger Stadtraum. Foto: Karoline Köster

„Zusammen gibt Halt.“

So lautet einer der Plakatslogans, die ich an jenem Morgen in Leipzig entdecke. Zwei auf dem Plakat abgebildete Männer, gekleidet in einer Camouflage-Uniform, lachen einander an, ihre Zusammenarbeit vermittelt das Gefühl von gemeinschaftlicher Verbindung. Auch im Kontext der von mir besuchten Vorträge in den Agenturen für Arbeit begegnet mir der Topos der Gemeinschaft als wesentlicher Faktor. Die Bundeswehrreferent:innen sprechen in Bezug auf ihren Arbeitgeber kontinuierlich von einem „wir“ und grenzen ein „draußen“ vom Leben in der Kaserne ab. Ebenso ist nach dem Bundeswehrreferenten einer meiner Feldaufenthalte „Kameradschaft das Wichtigste in der Bundeswehr“. Dabei spielt auch die Uniform – abgebildet auf allen von mir aufgefundenen Plakaten – eine wichtige Rolle, wie die in einer im Rahmen der Veranstaltung ausliegenden Informationsbroschüre abgedruckten Aussagen der Feldwebel Sarah S. belegen. Für sie war es „schon etwas Besonderes, zum ersten Mal eine Uniform anzuziehen. Es stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Kameradschaft, und es fühlt sich gut an“. Außerdem wird anhand ihrer Aussagen in der Informationsbroschüre deutlich, dass die Gemeinschaft – national gebunden – eng auf Anerkennungsfragen im Arbeitskontext rekurriert. So ist es für sie „eine sinnvolle Tätigkeit (ihre) Mitbürgerinnen und Mitbürger zu schützen“ und damit „(ihrem) Land etwas zurück(zu)geben“.

Die Arbeit bei der Bundeswehr vermittelt vor diesem Hintergrund in ihrer dargestellten Gemeinschaft einen Gegenpol zu aktuellen Individualisierungs- und Ausgrenzungserfahrungen. Zugleich bietet sie – konträr zu kursierenden Abwertungs- und Diskreditierungsdebatten und dem damit verbundenen Bild des:der prekären Arbeiters:Arbeiterin, der:die „es individuell nicht geschafft hat“[xii] – eine Quelle für Anerkennung. Entsprechend eines Bildes der „produktiven Vergemeinschaftung in den fordistischen Betrieben“[xiii] wird auf diese Weise die Erfahrungsmöglichkeit der gesellschaftlichen Inklusionsfunktion von Arbeit aktualisiert.

Bild 2: „Geh deinen Weg. Mit deiner Einheit.“ Fotos der Bundeswehrkampagne im Leipziger Stadtraum. Foto: Karoline Köster

„Geh deinen Weg. Mit deiner Einheit.“

Gemeinsam mit der Bundeswehrgemeinschaft gilt es – so der Slogan eines weiteren Plakats, auf dem erneut eine Person in Camouflage-Uniform im Fokus steht – den eigenen Weg im Kontext der sinnhaften Bundeswehrarbeit zu gehen. Während durch die fotografische Abbildung des Helms, der Gesichtsbemalung, des Rucksacks sowie der Waffe die Kriegsszenerie Einzug in die Vorstellung des zu gehenden Weges hält, so entspricht der im Gegensatz dazu im Zuge eines Informationsvortrags vermittelte Weg vor allem einer gut bezahlten, langfristigen und planbaren Karriere. In Bezug auf die Bezahlung beschreibe ich im Anschluss an meine teilnehmenden Beobachtungen in meinem Feldtagebuch den Eindruck, es werde „viel mit Geld gelockt“, entstehend daraus, dass beide Referent:innen immer wieder von „sehr guter Bezahlung“ und „gutem Gehalt“ sprechen. Ebenso wird die Möglichkeit zur langfristigen, kontinuierlichen Planbarkeit der Karriere aufgegriffen. Gemäß des Werbe- und Informationsmaterials basiert das Arbeiten bei der Bundeswehr auf einer klaren, an Berufsbezeichnungen und Abläufe gebundenen Karriere: „Wer zur Bundeswehr kommt, lernt sein Leben lang“, gibt Feldwebel Sarah S. in der Broschüre an und verweist auf ihren Traum, „eines Tages Spieß zu werden“. Darüber hinaus inszeniert sich die Bundeswehr als Arbeitgeberin, die auch über die Soldat:innenlaufbahn hinaus und somit „auch nach der Karriere absichert“, so ein Bundeswehrreferent im Rahmen eines Informationsvortrags. „Ziemlich cool, oder?“, fragt er uns und verweist auf die Attraktivität einer in der Bundeswehr vermeintlich gültigen, planbaren und sicheren, fordistisch konnotierten Normalbiografie – ein Versprechen, das für Menschen in prekären Verhältnissen oft unverwirklicht bleibt.

„Wie weit gehst du für unsere Demokratie?“ Fotos der Bundeswehrkampagne im Leipziger Stadtraum. Foto: Karoline Köster

„Wie weit gehst du für unsere Demokratie?“

Diese Frage formuliert die Bundeswehr auf einem weiteren Plakat. Wenngleich dabei die Demokratie als Bezugspunkt dient, so stellt sich angesichts der zuvor analysierten, vermittelten Aspekte vielmehr die Frage: „Wie weit gehst du für deine persönliche Entprekarisierung?“, wird doch deutlich, dass sich die Bundeswehr in ihrer Präsentation eng an fordistischen Idealen orientiert und das damit verbundene Normalarbeitsverhältnis als attraktives Angebot präsentiert. Im Zuge der ansonsten vielfach erlebten „Zumutungen des neoliberalen Sozialstaates“[xiv] erscheint es plausibel, dass die durch die Bundeswehr vermittelte Gemeinschaft, die damit verbundene Anerkennung sowie die Möglichkeit des Arbeitens im Kontext einer langfristigen, ökonomisch abgesicherten Laufbahn insbesondere bei Arbeiter:innen in prekären Lebenssituationen resoniert. Zugleich widerspricht die Realität der Arbeit bei der Bundeswehr dieser Vermittlung fundamental: Durch die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen kommt es bei der Bundeswehr als Institution „zur Durchdringung des gesamten Lebens“[xv]. Darüber hinaus bedeutet das Riskieren der eigenen Unversehrtheit und letztlich des eigenen Lebens eine extreme Subjektivierung im Modus von psychischer und physischer Vernutzung und damit eine massive Entgrenzung all jener, die sich in den Dienst der Bundeswehr stellen. Prägnant – und insbesondere im Kontext aktueller Wehrpflichtdebatten aktuell – bringt es der Journalist Manuel Biallas auf den Punkt: „Menschen, die ohnehin gesellschaftlich abgehängt werden, riskieren im Zweifel ihr Leben, um die Ungleichheit zu verteidigen, die sie erst zum Militärdienst trieb“[xvi].

Vor diesem Hintergrund erfahren die vermittelten, fordistisch gebundenen und als sicher imaginierten Topoi im Arbeiten bei der Bundeswehr eine fundamentale Durchkreuzung. Die Sicherheit in Zusammenhalt und Anerkennung sowie einem langfristigen, ökonomisch und karrierebezogen planbaren Weg, die im Kontext der Bundeswehr angeboten und vermittelt wird, ist bezogen auf ihr Agieren als Arbeitgeber in letzter Instanz eine massive, neoliberalen Paradigmen entsprechende Unsicherheit. Abzielend auf ein individuelles Risikomanagement hinsichtlich der Dialektik zwischen Sicherheit und Risiko spricht diese vor allem jene an, deren prekäre Situation sich im Kontext aktueller gesellschaftlicher Debatten kontinuierlich zuspitzt.

Bild 4: An einem der Orte, an denen mir zuvor ein Plakat begegnet war, hängt wenig später keines mehr. Foto: Karoline Köster

Es ist Mittwochmorgen, Mitte September, noch ein wenig dunkel. Ich laufe an einer Bushaltestelle vorbei, an der ich vor ein paar Tagen noch ein Bundeswehrplakat gesehen habe. Nun ist dort Leere, nur eine weiße Folie hinter der Scheibe. Für den Augenblick ist die Werbung verschwunden. Die gesellschaftlichen Unsicherheiten, an die die Bundeswehr mit ihrer Werbung anknüpft, verschärfen sich jedoch jeden Tag.

Feldtagebuch, Karoline Köster

Zitation

Karoline Köster, „Wie weit gehst du?“ – Die Bundeswehrkarriere als Weg aus der Prekarität? , in: das.bulletin, 11.01.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/wie-weit-gehst-du-die-bundeswehrkarriere-als-weg-aus-der-prekaritaet.

Karoline Köster

Karoline Köster hat ihr Bachelorstudium in den Fächern Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie sowie ‚Kunst, Musik, Theater' 2024 mit einer kulturwissenschaftlichen Arbeit über Queere Trauerpraktiken an der Ludwig-Maximilians-Universität München abgeschlossen. Aktuell studiert sie dort Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie im Master und interessiert sich besonders für das Untersuchungsfeld sozialer Ungleichheiten.
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