
Nicht mehr alle Tassen im Schrank: Umkämpfte Normalität in der politischen Kultur der Gegenwart
«Normalität» ist zum Kampffeld geworden: Politiker:innen – nicht nur Rechtspopulist:innen – mobilisieren mit Normalitätsbehauptungen und Fantasien einer Rückeroberung verloren geglaubter Normalität, weil auch in der populären Alltagskultur das Normale leidenschaftlich verhandelt wird. Der Beitrag geht diesem Zusammenhang mit Blick auf den skandalträchtigen Fall des Ballermann-Hits «Layla» (2022) nach. Es wird gezeigt, wie sich Kulturkämpfe der Gegenwart als Grenzkonflikte um Tabus formieren. Tabus und Begrenzungen sind für eine demokratische Gesellschaft unabdingbar, und zugleich werden sie immer «unhaltbarer».
Selbst für deutsche Verhältnisse war man erstaunt, mitunter empört über den markigen Ton, den der damalige Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz während des Wahlkampfs zu den vorgezogenen Bundestagswahlen in Deutschland 2025 setzte. Er werde wieder Politik für die Mehrheit der Bevölkerung machen, für diejenigen, die «gerade denken» und «alle Tassen im Schrank haben» – und nicht «für irgendwelche grünen und linken Spinner auf dieser Welt», versprach Merz.[i] Ohnehin: «Links» sei vorbei. Und deswegen «gucke» er auch bei seinem knallharten Anti-Migrationskurs «nicht rechts und nicht links. Ich gucke in diesen Fragen nur geradeaus» – direkt in den Schrank voller Tassen christlich-konservativer Normalität.
Dass Friedrich Merz und die CDU die neuen Garanten der Normalität sind, für die sie sich gerieren, stellen sie verlässlich dadurch unter Beweis, dass sie ihr Wahlkampfgepolter auch als Regierungspartei fortsetzen. Da werden so ‹verrückte und wohlstandsgefährdende› Ideen «irgendwelcher linker Spinner» wie «Viertagewoche und Work-Life-Balance» ins Visier genommen. Die Regenbogenfahne – die übrigens nicht nur Signum der queeren Community, sondern ein Symbol für die Idee von Vielfalt und Liberalität ist – gilt Merz als unnormal-clowneske Sache. Gegen das Hissen der Fahne am Bundestag anlässlich des CSD in Berlin 2025 polterte Merz: «Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt.»

«Normalität»: Ein politisch ausbeutbares Deutungsschema
Diese Rhetorik sucht eine vermeintlich weit verbreitete Stimmung auf und vermutet einen bestimmten «common sense» im sich als «normal» verstehenden Teil der Bevölkerung, demzufolge extravagante Minderheiten-Interessen zu viel Raum bekommen hätten und es an der Zeit sei, der Normalität wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Die Tatsache, dass sich Politiker:innen dieses Deutungsschemas bedienen, und dafür sogar noch mehrheitlich gewählt werden, ist bereits Hinweis darauf, dass sie an ein tatsächliches Alltagsbewusstsein anschliessen können. Es nimmt also kein Wunder, dass der politische Kampf um Normalitäts-Repräsentation an Fahrt aufgenommen hat.
Lange Zeit schien es, als sei das Ausrufen von Normalität eine Sache der Rechtspopulist:innen, eine perfide Strategie der Normalisierung des politischen Rechtsradikalismus. Tatsächlich lautet die Kampagne der AfD 2021 «Deutschland. Aber normal»; zur selben Zeit versuchte sich die FPÖ mit dem Slogan «Österreich. Normal»[ii] zu profilieren. Auch in alltäglichen Orientierungen von AfD-affinen Menschen spielen Vorstellungen von Normalität und entsprechende binäre Denkweisen – Normalität vs. Abnormalität und Dekadenz – eine Rolle, gepaart mit apokalyptischen Vorstellungen von den Konsequenzen des Abfalls einer vorgeblichen Normalität.[iii] Es ist also nicht ganz zutreffend, dass «Normalität» das radikale Programm der Rechten lediglich kaschiere, wie etwa Michael Kraske glaubt.[iv]
Konservative, die bisweilen (noch) in politischer Konkurrenz zu den Rechtspopulisten stehen, scheinen sich auf dieses Normalitätsversprechen einzuschiessen, um den Rechtsaussen-Kräften das Wasser abzugraben. So zu sehen bei Merz’ autoritärer Normalitäts-Rhetorik, aber auch bei Bidens «Return to Normalcy»-Wahlkampf gegen Trump im Jahr 2020 – ein restaurativ-nostalgisches Versprechen zur Rückkehr zu vor-pandemischer und vor-trumpscher «Normalität». Egal in welcher Parteifarbe die Rede von «Normalität» also daherkommt, es handelt sich um eine populistische, kulturkämpferische Strategie.
Problematisch daran ist einerseits das offenkundige Bestreben, eine gesellschaftliche und kulturelle (hegemoniale) Ordnung zu zementieren. Normalitätsbehauptungen im demokratischen Diskurs sind exklusiv, essenzialisierend, kompromisslos: Wer dazugehört, wer draussen bleiben soll, für wen gesorgt werden soll, wer Rechte haben soll, wird nicht erst im politischen Prozess ausgehandelt und kodifiziert, sondern vorab kulturell festgestellt. Normalisiert wird hier letztlich das Antidemokratische. In dem Sinne: Politik und Demokratie nur für die, die «alle Tassen im Schrank haben»! Das Parlament, so die Vertreter dieser Sichtweise, sei schliesslich kein Zirkuszelt und nicht für die Repräsentation von Vielfalt zuständig!
Andererseits wird die Normalitätsrhetorik in der Politik auch deshalb so militant betrieben, weil ‹das Normale› längst nicht mehr fraglos ist. Damit ist nicht gesagt, dass das, was gesellschaftlich oder kulturell als «normal» angesehen wurde, historisch besehen je wirklich un-umkämpft gewesen sei, noch dass das «Normale» auch immer das gesellschaftlich «Mehrheitliche» wäre.[v] Mittelstandsgesellschaften der europäischen Nachkriegsgesellschaften haben eine mittelständisch orientierte Lebensführung herausgebildet, die zwar kulturell hegemonial gewesen sein mag, die aber immer nur von einem Ausschnitt der Gesellschaft wirklich repräsentiert wurde (man denke beispielsweise an Erwerbsarbeit als gesellschaftlichen «Normalfall», die für lange Zeit aber ‹normalerweise› den Männern vorbehalten war etc.). Ein Blick in die Netzwelt der spätmodernen Gegenwartsgesellschaft zeigt demgegenüber, dass ‹das Normale› vergleichbar offen und direkt in der popularen Kultur verhandelt wird. So wird beispielsweise seit 2019 unter dem Hashtag #normalize für allerlei Praktiken – etwa im Kontext von Schönheitsidealen, Hygiene oder Haushaltsführung – social-media-öffentlich Anerkennung eingefordert (#normlize being average, #normalizebreastfeeding, #normalize sexless realtionships, #normalize praying etc.). Normalisierung wird hier als kulturelle Chiffre zur Sichtbarmachung und Entstigmatisierung eingesetzt – und reproduziert damit paradoxerweise auch eine Logik der social-media-tauglichen «Besonderung».[vi]

Zur Dialektik von Tabus und Tabuisierung von Tabus: Die Causa «Layla»
Diese bemerkenswerte Dialektik der Normalität, die die Kulturkämpfe der Gegenwart auszeichnet, wird noch deutlicher am Beispiel des Partyschlagers «Layla» aus dem Jahr 2022. Ein offensichtlich sexistischer Text wurde in ein sexismus- und diskriminierungssensibles gesellschaftliches Klima hinein produziert – ob als gezielte Provokation kann dabei nicht eindeutig festgestellt werden. Jedenfalls gründet sein Erfolg gerade in diesem provozierten Widerspruch zur kulturellen Errungenschaft, Sexismus und Diskriminierung nicht mehr unwidersprochen zu lassen oder gar für «normal» halten zu wollen. Zwar waren frivole «Ballerman-Hits» auch in der Vergangenheit häufig explizit anstössig. Wo aber vormals inszenierte Partyschlager-Obszönitäten auf dem Ballermann oder im Bierzelt als gezielt ausseralltäglich-unnormale Normalität geduldet wurden, da treiben nunmehr die Fragen um, ob der sexistische Text von Layla nur «ganz normale» Logik eines Genres, oder (bewusste) Grenzüberschreitung sei, die nicht mehr zu dulden sei. Die Aufregung über den provokativen Text zahlte jedenfalls auf die Popularität des Songs ein.[vii] Und er erhielt rasch eine ungewohnt politische Note. Bezeichnend also, dass Markus Söder 2022 mit diesem Song sogar demonstrativ auf das bayerische Polit-Volksfest „Gillamoos“, bekannt für seine scharf konservativen bis reaktionären Bierzelt-Reden, einzog.
Genau in den über die Causa «Layla» entbrannten Aushandlungs- und Deutungskonflikten zeigt sich die kulturkämpferische Dialektik der Normalität in der Gegenwart: Nicht etwa, weil ein Tabu gebrochen wurde (wie gesagt, das taten davor schon Lieder von Micki Krause und anderen), sondern weil das Tabu inzwischen selbst gesellschaftlich umstritten ist. Auf der einen Seite lässt sich das zeitweilige Verbot des Songs (beispielsweise 2022 auf dem Stadtfest in Würzburg) als Verteidigung einer neuen, aufgeklärten, das heisst sexismus- und diskriminierungssensiblen Normalität verstehen; auf der anderen Seite avancierte der Song zur Projektionsfläche eines Kulturkampfes, in dem sich viele gegen eine als übergriffig empfundene Moralisierung des Alltags positionierten. Layla fungierte mitunter als eine Art «anti-woker Protestsong»[viii]. Vertreter:innen beider Seiten aber – darunter auch manche Politiker:innen – verkennen dabei mindestens, dass Ballermann immer schon karnevaleske Ausseralltäglichkeit, immer schon Tabubruch war, der von Anstössigkeit lebte, nie aber kulturell-hegemoniale Norm.
Aus kulturtheoretischer Perspektive lässt sich die Debatte um Layla als «Krise des Tabus» verstehen. Die Anthropologin Mary Douglas hat gezeigt, dass Tabus weniger rigide Verbote sind als vielmehr symbolische Grenzmarker, die soziale Ordnungen stabilisieren, indem sie anzeigen, ‹was wohin gehört›.[ix] Gerade ihr Spielraum – das Wissen um die Bedeutung der symbolischen Grenze für die Gemeinschaft und die kontrollierte Möglichkeit, sie situativ zu überschreiten – macht ihre gesellschaftliche Funktion aus. Auf moderne Gesellschaften übertragen kann man mit Niklas Luhmann Tabus wiederum als Kommunikations- und Diskursregeln verstehen, die paradoxerweise Kommunikation zugleich verhindern und erzeugen: Sie werden erst in ihrer Verletzung sichtbar und damit diskutierbar.[x] Bei Layla ist nun die traditionelle Tabustruktur (karnevaleske Anstössigkeit in einem begrenzten Kontext der Ausseralltäglichkeit) förmlich erodiert. Das Resultat war kein klassischer Tabubruch mehr, sondern ein Kampf um das Tabu selbst: Was ist noch ‹normaler›, ritualisierter Regelbruch – und was gilt als gesellschaftlich relevante Grenzübertretung?
Unentschieden bleibt, ob mit dem Diskurs über das Lied Errungenschaften der sexismus- und diskriminierungssensiblen gesellschaftlichen Aufklärung regredierten oder ob damit ihre Selbstaufklärung befördert wird. Es wundert jedenfalls nicht, dass Layla hinter dem Skandal um die Umdichtung «Deutschland den Deutschen» auf Gigi D‘Agostinos Melodie von «L'Amour Toujours» schon fast in Vergessenheit geraten ist. Hier nämlich ist der bei Layla in Gang gesetzte Kulturkonflikt um Tabu und Normalität radikal aus den Fugen geraten. Die provokative Grenzüberschreitung des Partyschlagers schlägt in eine politische Grenzverschiebung um, in der Tabubruch und Normalität ethnonational verengt werden. Daran wird sichtbar, dass Kulturkämpfe um Normalität und Tabus politisch sind, weil sie selbst an ein Mindestmaß an Verständigung über demokratische und inklusive Werte zu kratzen drohen.
Politische Kulturkämpfe um «Normalität»: Normal und zugleich demokratiegefährdend
Die kulturkämpferischen Auseinandersetzungen um Normalität und Tabu verweisen – demokratietheoretisch betrachtet – auf eine tieferliegende gesellschaftliche Spannung und bisweilen ungelöste Widersprüche. Tabus und kulturelle Normen setzen stets für eine Gemeinschaft konstitutive Begrenzungen. Demokratie ist einerseits auf solche Begrenzungen angewiesen, gleichzeitig ist sie die einzige politische Herrschafts- und Lebensform, die über Tabus und Normalität kollektive Verhandlung zulässt. Sie eröffnet Gestaltungsspielräume für kollektives Aushandeln und «politisiert» damit potenziell immer mehr Bereiche und Fragen. Aber sie muss zugleich begrenzen, worüber entschieden werden kann, um nicht selbst unter die Räder zu kommen. Die totalitäre Option ist ihr konstitutives Tabu.
Aber zwischen Demokratie als Ideal und der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft sind Spannungen entstanden. Sie haben damit zu tun, dass die theoretische Einsicht in die Notwendigkeit kollektiver Begrenzung – nicht nur unseres nicht-nachhaltigen fossilen Ressourcenverbrauchs und der Externalisierung seiner Folgekosten, sondern auch der Folgekosten eines darauf aufruhenden pazifistisch-freiheitlichen Lebensstils und «wertebasierter» Politik überhaupt –, auf eine Gesellschaft trifft, die auf potentiell entgrenzte Selbstverwirklichungs- und Freiheits-Versprechen geeicht wurde.[xi] Dies wurde vielfach als Spätfolge neoliberaler Gouvernementalität kritisch besprochen.[xii] Aber die Normalitäts- und Tabu-Unruhen unserer Gegenwart sind nicht nur Kämpfe um symbolische Herrschaftsverhältnisse, zur Verteidigung von Etabliertenvorrechten einer fossilen, patriarchalen Lebensweise.[xiii] Es geht auch um Demokratie und die Legitimität ihre Begrenzungen.
Die Beispiele #normalize und Layla zeigen die Kulturkämpfe der Gegenwart als Ausdruck einer Dialektik von Normalität und Tabu. Es wird um Tabus und Tabuisierung von Tabus gestritten: Ist der «ganz normale» Sexismus eines Ballermannhits noch haltbar? Oder ist gerade das Erklären der Unhaltbarkeit des Songs seinerseits unhaltbar? Die Kulturkämpfe um Normalität kennzeichnen eine doppelte Bewegung, in der bestimmte Grenzüberschreitungen problematisch werden, während zugleich die Markierung dieser Grenzen selbst unter Legitimationsdruck gerät. Weil aber Tabus nicht bloß Verbote sind, sondern sichtbar machen, über welche Werte und Normen sich eine Gesellschaft verständigen muss und welche Formen des Zusammenlebens sie begrenzen will, berührt ihre doppeltes Unhaltbarwerden die demokratische Kultur. Kulturkämpfe um Normalität sind insofern einerseits ganz normaler demokratischer Prozess. Zugleich aber haben sie eine hochpolitisierte Qualität angenommen, in der diese dialektische Aushandlung zunehmend in moralisierte Unversöhnlichkeit umzuschlagen droht.
Die autoritären Normalitätsbehauptungen von Merz und Co richten insofern mehr Schaden an, als es auf den ersten Blick scheint. Die Forderung, es solle «ganz normal halt wieder zugehen» – nicht zu viel und nicht zu wenig, auf jeden Fall mit allen Tassen im Schrank –, inszeniert einen scheindemokratischen Souveränismus, der eine vermeintliche Vernunft der Mitte gegen als illegitim markierte „verrückte“ Entgrenzungen in Stellung bringt. Dieses pauschale Polemisieren gegen das «Unnormale» versucht aus soziokulturellen Auseinandersetzungen um Tabus und ihre Tabuisierung politisches Kapital zu schlagen, statt sie demokratisch zu bearbeiten. Gerade darin liegt das Problem: Wo Politik Kulturkämpfe um Normalität instrumentalisiert, unterbricht sie jene produktive Dialektik, in der demokratische Gesellschaften ihre Werte, Grenzen und Zumutungen immer wieder neu aushandeln müssen.
Zitation
Philipp Rhein, Nicht mehr alle Tassen im Schrank: Umkämpfte Normalität in der politischen Kultur der Gegenwart , in: das.bulletin, 02.02.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/nicht-mehr-alle-tassen-im-schrank-umkaempfte-normalitaet-in-der-politischen-kultur-der-gegenwart.
