«Ja zur Arbeit, aber nicht unter diesen Bedingungen!»

8. März 2026

Für den 14. Juni 2027 hat das Feministische Streikkollektiv Zürich zum überregionalen Care-Streik aufgerufen. Charlotte Nachtsheim traf Eliane und Neomi vom Kollektiv. Ein Interview zu den Verknüpfungen von Care, Feminismus und Protest, (Selbst-)Fürsorge in der politischen Arbeit, und die Ungleichheiten und Potenziale in Care. [i]

Charlotte: Könnt ihr kurz erzählen, worum es beim Care-Streik 2027 geht? Wie entstand die Idee? Wie und seit wann arbeitet ihr darauf hin?

Eliane: In der Schweiz war der zweite grosse feministische Streik 2019, angelehnt an den «Frauenstreik» 1991. Seither wurden fast jedes Jahr Demos am 14. Juni organisiert. Es gab viele politische Ziele, und es war total schön, dass so viele Leute an die Demos gekommen sind. Aber es war manchmal auch ein bisschen: «Man trinkt Prosecco und hat eine gute Zeit»…

Neomi: … als ob der Inhalt des 14. Juni ist, dass man halt an die Demo geht.

E: Nur ein kleiner Teil war auch über das Jahr aktiv. Da gab es auch eine gewisse Frustration im Streikkollektiv. Und die Frage, wie wir unsere politischen Ziele erreichen und den 14. Juni so gestalten können, dass er uns dabei hilft. 2023 gab es eine grosse Retraite über mehrere Tage mit Moderation. Dort wurde entschieden, dass man eine grosse Kampagne möchte, mit der man mehrere Jahre auf etwas hinarbeitet. Und dann wurden mögliche Themen diskutiert.

N: Die Kampagne sollte etwas sein, dass man bestreiken kann. Es musste logischerweise feministisch sein und ein Thema, dass uns wichtig ist. Es sollte revolutionäres Potential haben. Und es sollte auch in der Breite eine Wirkung und Anschlussfähigkeit haben – für andere politische Themen aber auch für verschiedene Gruppen. Mit diesen Grundlagen hat man sich dann in Diskussionen für das Thema Care-Arbeit entschieden. Es war auch klar, dass es mehrere Jahre braucht, um so etwas zu organisieren. Man hat angefangen das Streikkollektiv und die Arbeitsgruppen umzustrukturieren, damit man so eine Kampagne stemmen kann. Für das Jahr 2027 haben wir uns entschieden, weil der 14. Juni hier nicht an einem Wochenende, sondern an einem Montag ist.

E: Es heisst ja feministischer Streik: 2019 wurde auch dazu aufgerufen und es gab kleinere Arbeitsniederlegungen. Aber oft war es einfach eine Demo. Das Ziel war also eine Kampagne zu einem Arbeitskampf mit Streik.

Abbildung 1: «Care Streik 27». Verkündung des Care-Streiks 2027 am 14. Juni 2025. Foto: Anja Wurm

N: Unter Care-Arbeit verstehen wir dabei sowohl bezahlte und unbezahlte Arbeit. 2026 legen wir einen starken Fokus auf unbezahlte Arbeit und möchten die Energie der Mobilisierungsarbeit und das Thema mitnehmen für 2027. Trotzdem ist das Bestreiken von bezahlter Arbeit einfacher zu formulieren.

E: Ein arbeitsrechtlicher Streik muss in der Schweiz auch von Gewerkschaften ausgerufen werden, damit die Streikenden überhaupt abgesichert sind. Und das darf nur passieren, wenn man sich in einem Arbeitskampf befindet, also nur in Bereichen, wie z.B. den GAV, den Arbeitsverträgen. Es müssen zuerst andere Schritte erfolgen. Verweigerung der Arbeit ist im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen das letzte Mittel. Dann können Gewerkschaften den Streik ausrufen und Streikende sind geschützt vor Kündigung. Die Gewerkschaften haben zum Teil auch ein Budget, um den verlorenen Lohn zu bezahlen.

N: Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat sich am feministischen Kongress dafür ausgesprochen, den Care-Streik 2027 zu unterstützten. Und bei uns im Streikkollektiv haben wir zu verschiedenen einzelnen Gewerkschaften persönliche Verbindungen

E: Ganz wichtig ist für uns aber, dass es auch einen politischen Streik gibt. Wir wollen auch die unbezahlte Care-Arbeit bestreiken und die Gesellschaft, wie sie gerade ist, weil sie uns zwingt, diese Arbeit zu machen.

N: Von aussen bekommen wir auch die Kritik, dass wir gar nicht richtig streiken. Aber ein feministischer Streikbegriff muss über eine rein arbeitsrechtliche Streikforderung hinausgehen. Eine Frage nach mehr Lohn für Pfleger:innen ist nicht nur eine arbeitsrechtliche Frage, sondern auch eine Forderung nach mehr gesellschaftlicher und politischer Anerkennung dieser Arbeit und auch eine Forderung nach einer Veränderung des Systems. Und wir als Streikkollektiv nehmen uns die Freiheit, politische Forderungen zu stellen und den feministischen Streik als Ganzes zu verstehen. Da auch unbezahlte Arbeit offensichtlich systemrelevant ist, lässt sie sich auch bestreiken. Wenn wir als unbezahlte Care-Arbeiter:innen streiken, wird man das spüren.

Habt ihr eine Definition von «Care» mit der ihr arbeitet? Wie seid ihr dazu gekommen?

E: Wir haben einen sehr breiten Care-Begriff gewählt.

N: Unser Leitsatz ist, dass Care-Arbeit zentral für das Leben und die Gesellschaft ist – ohne Care-Arbeit gibt es das Ganze nicht. Darum ist Care logischerweise zentral für uns alle und wir möchten, dass das auch so wahrgenommen wird. In unserem Communiqué steht: «Für uns umfasst Care-Arbeit alle Formen von Sorgearbeit, welche an den grundlegenden Bedürfnissen direkt oder indirekt orientiert sind.» Es ist also sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeit, es ist genauso emotionale wie körperliche Arbeit. Es ist Erziehungsarbeit, das Reinigen von Gebäuden, die Sorge für die Umwelt, es ist auch Sexarbeit, es ist Beziehungsarbeit. Es ist alles, was sich an unseren Bedürfnissen als Menschen oder Lebewesen auf dieser Welt orientiert. Wir wollten von Anfang an einen breiten Care-Begriff, weil wir die Kampagne wegen der vielen Anschlussmöglichkeiten gewählt haben. Dann hat sich u.a. die AG Bildung mit verschiedenen Texten und Theorien zu Care auseinandergesetzt, einen Begriff vorgeschlagen und im Kollektiv darüber diskutiert. Wir haben dann auch beim letzten Vernetzungstreffen gemerkt, dass immer wieder das Bedürfnis besteht, nochmal darüber zu reden. Das ist ein laufender Prozess. Der Begriff wird sich dann eigentlich auch in unserer Arbeit definieren.

Wie hängen Care, Feminismus und Protest für euch zusammen?

E: Tatsächlich wird Care-Arbeit mehrheitlich von FLINTA-Personen [ii] geleistet. Gerade in heterosexuellen Beziehungen und Familien wird mehr Care-Arbeit von Frauen und FLINTAs übernommen. Und darum ist es für uns auch wichtig, hier Verbesserungen und Veränderungen zu erwirken. Das ist ein Grund, warum Care so wichtig im Feminismus ist. Care-Arbeit wird ausserdem feminisiert, als «weibliches Attribut» dargestellt und dann auch abgewertet. Es wird gesagt: Wenn du dich weiblich identifizierst oder aufgewachsen bist, dann kannst du das automatisch. Man muss es sich bspw. als Beruf also angeblich «weniger erarbeiten».

N: Und ich sehe den Grund der Abwertung darin, dass es für den Kapitalismus notwendig ist, dass reproduktive Arbeit so günstig wie möglich ist. Das sind quasi Parallelentwicklungen. Es geht Hand in Hand, dass einer Gruppe, die ohnehin gesellschaftlich abgewertet wird, die Arbeit zugeschrieben wird, die ebenfalls gesellschaftlich abgewertet werden muss, damit sie so günstig wie möglich ist. Und genau aufgrund dieser Abwertung ist es ein feministisches Thema. Also nicht, weil es per se «weibliche» Arbeit wäre, sondern weil es uns zugeschrieben wird.

E: Und das führt dann auch zu Protest, denn Care-Arbeit passt nicht in die kapitalistische Logik: Sie braucht viel Zeit, sie braucht persönliche Beziehung, man kann sie nicht endlos optimieren. Und deswegen ist Care-Arbeit in diesem System auch immer in einer Krise und das führt zu Protest.

Abbildung 2: Demo am 14. Juni 2025. Foto: Anna-Tia Buss

Welche Rolle spielt (Selbst-)Fürsorge in eurer politischen Arbeit und Praxis?

N: Der Grund, dass man sich 2023 in dieser Retraite zusammengesetzt hat, kam aus einem Bedürfnis nach Fürsorge oder Selbstfürsorge für und vom Kollektiv heraus. Wir haben gemerkt, dass wir nicht weiterkommen. Und dass wir die Arbeit, aber auch den Aufbau im Kollektiv umstrukturieren müssen, damit wir überhaupt nachhaltig arbeiten können. Damit wir nicht so viele Leute ausbrennen, damit man nicht nur auf den nächsten 14. Juni hinarbeitet. Und dann haben wir uns aus der Sorge für das Kollektiv und die politische Arbeit für die Umstrukturierung und die Kampagne entschieden. In der politischen Arbeit besteht Fürsorge vor allem darin, dass wir uns Strukturen schaffen, in denen wir überhaupt für Veränderung sorgen können.

E: Es gibt auch jedes Jahr eine Retraite, in der wir reflektieren, ob wir uns immer noch damit wohlfühlen. Das ist ein Element, das wir beibehalten haben, um für das Kollektiv zu sorgen. Und dann gibt es auch noch soziale Events, an denen sich Leute aus dem Kollektiv treffen und nicht politisch arbeiten, sondern einfach Zeit miteinander verbringen. Auch das ist eine Art Fürsorge für das Kollektiv. Und im Streikhaus wird z.B. das Putzen aufgeteilt und es gibt einen Glow Up Day an dem alle zusammen aufräumen.

N: Wir haben jetzt beide automatisch über das Kollektiv gesprochen. Und das ist mir auch wichtig, dass wir nicht von einem Fürsorgebegriff ausgehen, der das Individuum vor das Kollektiv stellt.

E: Also persönlich habe ich natürlich auch Strategien. Ich entscheide, wie viel Zeit ich investieren kann, muss das dann mitteilen und auch nur so viele Aufgaben übernehmen, wie ich schaffe. Ich muss auch nicht an jedes Treffen gehen oder jedes Thema mitbekommen.

N: Und das Kollektiv ist auch so aufgebaut, dass man dann nicht rausfällt. Es ist möglich, nur einen Teil zu machen.

E: Ja, es gibt z.B. Protokolle von jeder Sitzung, die man Nachlesen kann, wenn man nicht gehen kann. Dann ist man eigentlich wieder gut vorbereitet für das nächste Treffen.

N: Und dann gibt es auch weitere Fürsorge-Strategien: Bei den Vernetzungstreffen wird immer für Verpflegung gesorgt und am 14. Juni Kinderbetreuung organisiert. Und wir versuchen auch vermehrt Blöcke zu machen, die z.B. kürzere Routen laufen. Alles aus dem Wunsch heraus, dass wir unseren Bedürfnissen als Aktivist:innen gerecht werden, aber auch den Arbeitskampf wieder in den Fokus stellen wollen. Also wegzugehen vom – ich formulier es jetzt ein bisschen reisserisch – «einfach nur Party machen» am 14. Juni, ist auch ein Teil davon, wie wir unserem feministischen Kampf versuchen Sorge zu tragen.

Der Slogan «Ja zur Arbeit, aber nicht unter diesen Bedingungen!» in der Kampagne hat mich an die Ambivalenz von Care erinnert, die wir auch im Editorial ansprechen: Sorge um grundlegende Bedürfnisse einerseits, extrem ungleich verteilte Arbeit andererseits. Seht ihr auch transformatives Potenzial in der Idee von Care?

N: Ich sehe das weniger als Ambivalenz, sondern eher als das Problem, wegen dem wir da sind. Die Ungleichverteilung macht die Krisenhaftigkeit aus. Das transformative Potenzial von Care liegt in einer Gesellschaft, in der Care ins Zentrum gestellt wird, aber auch in einer Idee von Care, bei der menschliche Bedürfnisse das Ziel der Arbeit sind.

E: Wenn man sich anfängt vorzustellen, wie Care ganz utopisch aussehen könnte, dann ist da ja automatisch auch ein Systemwechsel drin. Auch das ist dieses Potenzial. Und wenn man Care als Ausgangspunkt nimmt, geht es auch um Dinge wie Care für die Umwelt etc.

Abbildung 3: «Das war erst der Anfang». Transparent an der Demo am 14. Juni 2019. Foto: Feministisches Streikkollektiv Zürich

N: Weil Care-Arbeit so grundlegend ist, alle Menschen betrifft und auch viele intersektionale, also verschiedene gleichzeitige Unterdrückungsmomente in sich trägt, ist es ein Thema, bei dem man über die ganze Gesellschaft reden muss, über Kapitalismus, über Rassismus. In der Care-Arbeit sehen wir, dass nicht nur FLINTA oder statistisch gesprochen Frauen [iii] diese Arbeit auferlegt bekommen, sondern auch Migrant:innen in diese Sektoren hineingedrängt werden – es ist eine Arbeit, die Menschen zugeschrieben wird, die aufgrund verschiedener sozialer Strukturen unterdrückt werden. Care-Arbeit hängt auch oft mit einer Mehrfachbelastung zusammen. Man wird als Pfleger:in nicht nur schlecht bezahlt und hat belastende Arbeitszeiten, sondern trägt oft, insbesondere als arbeitende FLINTA, auch im Privaten die Care-Last. Oder man muss vielleicht mehrere Jobs haben, weil die Care-Arbeit so schlecht bezahlt ist.

E: Und insbesondere Menschen, die mehr Care brauchen als andere, sind von dieser Care-Krise betroffen.

N: Wenn bei Care-Arbeit gespart wird, verlieren Menschen, die in der Gesellschaft am schlechtesten gestellt sind als erstes den Zugang dazu. Care bringt so viele andere Themen mit sich, dass es sich als Grundlage eignet, um die Welt zu verändern. Eine Gesellschaft kann Diskriminierungsformen nicht lösen, wenn unsere Bedürfnisse nicht ins Zentrum gestellt werden. Darum haben wir Care als Thema gewählt: Nicht, weil wir Care ins Zentrum stellen, sondern weil Care ins Zentrum gestellt werden muss, um weitermachen zu können.

Zitation

Feministisches Streikkollektiv Zürich, «Ja zur Arbeit, aber nicht unter diesen Bedingungen!», in: das.bulletin, 08.03.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/ja-zur-arbeit-aber-nicht-unter-diesen-bedingungen.

Feministisches Streikkollektiv Zürich

Das Feministische Streikkollektiv Zürich besteht aus Einzelpersonen und Gruppen, die sich aktivistisch engagieren, um gemeinsam für eine feministische, gerechtere Zukunft zu kämpfen: intersektional, antifaschistisch, und antikapitalistisch. In monatlichen Vernetzungstreffen besprechen sie Themen, treffen Entscheidungen und planen Aktionen, die in verschiedenen Arbeitsgruppen weiter umgesetzt werden. Das Streikkollektiv organisiert u.a. den feministischen Streik am 14. Juni in Zürich und arbeitet an einer Kampagne zum überregionalen Care-Streik 2027.
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