Das Homeoffice politisieren!

Digitale Technologien organisieren Arbeitsrhythmen neu, steuern Aufmerksamkeit und verschieben Verwertung tief in den Alltag. [i]

1. Was meinst du, wenn du das Homeoffice als «Alltagslabor» beschreibst? 

Zwei Dinge: Erstens experimentieren Nutzende, Arbeitgeber und Tech-Unternehmen gemeinsam mit digitalen Medien. In diese ist wissenschaftliches Wissen eingeschrieben, das sich im alltäglichen Gebrauch entfaltet; zugleich werden die Technologien dabei erprobt und weiterentwickelt. Zweitens geschieht dieses Experimentieren nicht in abgegrenzten Laborräumlichkeiten, die man betritt und verlässt. Solche epistemischen Aushandlungen finden über Bildschirme grenzenlos statt – bis in unsere intimsten Alltagsmomente. 

2. Du basiert deinen Artikel auf Workshops, die du für Menschen veranstaltest, die digitalisierte Wissensarbeit machen. Wie erfahren die Teilnehmer*innen ihre Arbeitssituation und was hat dich dabei besonders überrascht? 

Viele Teilnehmende erleben ihre Arbeitssituation zwiespältig: Sie schätzen die Freiheit, ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort individuell und flexibel zu gestalten. Gleichzeitig berichten sie von ständigen Unterbrechungen, Zeitdruck und dem Gefühl, nie ganz bei einer Sache bleiben zu können. Besonders überrascht hat mich dabei, wie schnell solche Strukturmerkmale digitalisierter Wissensarbeit als persönliches Versagen gedeutet werden – als mangelnde Selbstdisziplin oder schlechtes Zeitmanagement. 

3. Warum sollten wir das Home-Office als «politische Räume» verstehen? 

Gerade im vertrauten Zuhause vergessen wir schnell, dass das Homeoffice weiterhin ein Setting ist, in dem Lohn gegen Arbeit getauscht wird. Zu dieser klassischen Verwertungslogik kommt eine zweite: Über die Software im Homeoffice monetarisieren Tech-Unternehmen menschliche Aufmerksamkeit. Erst wenn wir das Homeoffice als politischen Raum verstehen, können wir uns als Wissensarbeitende fragen, unter welchen Bedingungen diese Verwertungslogiken sich entfalten sollten – und wie wir diese neuen Räume mitgestalten. 

Hier geht es zu der SZEKW-Ausgabe.

Kunzelmann, Daniel: Digitalisierte Arbeitsrhythmen. Technologische Normalisierung im «Alltagslabor Home-Office». In: Schweizerische Zeitschrift für Empirische Kulturwissenschaft (SZEKW), 2026/1, S. 37–56. DOI 10.64113/szekw.2026.002 

Zitation

Daniel Kunzelmann, Das Homeoffice politisieren! , in: das.bulletin, 04.09.2026, URL: https://ekws.ch/de/bulletin/post/das-homeoffice-politisieren.

Daniel Kunzelmann

Daniel Kunzelmann ist Postdoc am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitskulturen, Digitalisierung im Alltag und Gesundheitskulturforschung. In seinem aktuellen Forschungsprojekt untersucht er, wie sich Arbeitsrhythmen im digitalisierten Homeoffice verändern. 
Alle Beiträge